Motorrad-Oldtimer – das Easyrider-Investment

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Ob Rennlegende oder Rockerchopper – wer vom Zweirad-­Oldtimer-Virus gepackt wurde, kommt davon nicht mehr los.

Da steht sie, glänzender Chrom, frisch poliert, das Sattelleder schimmert warm und einladend. Ein erdiger Geruch nach Kettenfett und Treibstoff liegt in der Luft. Aufsteigen, den Ständer wegklappen, vorsichtig mit dem Choke, dass der Motor nicht gleich absäuft und dann schwungvoll den Anlasser treten. Ein tiefes, kraftvolles Blubbern erwacht, ein leichter Schubs mit der linken Stiefelspitze lässt den ersten Gang einrasten. Ein feinfühliger Dreh im Handgelenk steigert das satte Blubbern zu einem gewalttätigen Röhren und mit dem fast zärtlichen Lösen des Kupplungshebels setzen sich die zwei Räder in Bewegung, raus auf die Straße, rein in den Wind. Der Traum von Freiheit, Adrenalin, Kurvenflash, Easyrider-Feeling – für viele Motorradfans ist das alles verbunden mit einem Namen: Harley Davidson.

Besonders die alten Oldtimer haben den Kultstatus und sind unter Sammlern hochbegehrt. Traumhafte Preise rufen aber auch viele schwarze Schafe auf den Markt. Deshalb gilt beim Motorrad-Oldtimerkauf genau wie bei jedem Sweetheart Investment: Ziehen Sie einen Spezialisten hinzu, der sich sowohl mit den Preisen als auch mit der Technik auskennt. Nehmen Sie sich Zeit zur Recherche. Internetforen, Motorradvereine und Oldtimerzeitschriften sind dafür eine gute Quelle. Clubs und Interessengemeinschaften sind eine gute Adresse, um herauszufinden, welche Stärken und Schwächen ein Fahrzeugtyp hat.
Zusätzlich werden jedes Jahr Preislisten für den Oldtimermarkt veröffentlicht. Dieser klassifiziert die Maschinen nach Zustand. Von Zustand 1A, was „vollrestauriert, fast schon besser als neu“ bedeutet, möglicherweise aber am Zweirad nichts mehr im Originalzustand zurücklässt, über Zustand 3 „kleine Mängel und Gebrauchsspuren“, was von Puristen bevorzugt wird, bis Zustand 5 „erhebliche Mängel“. Für den Käufer heißt das, zu überlegen, was für ihn interessant und leistbar ist.

Restauriert oder unrestauriert kaufen?

Kauft man einen solchen Oldtimer in unrestauriertem Zustand und bringt ihn selbst auf Vordermann, beansprucht das, das entsprechende Fachwissen und handwerkliche Können vorausgesetzt, gut ein bis zwei Jahre und mehr. Ein unrestaurierten Oldtimer zu kaufen und vom Fachmann restaurieren zu lassen, ist preislich nur bei ganz besonderen Fahrzeugen rentabel. Kauft man besser gleich eine vollrestaurierte Maschine? Einerseits hat ein Motorrad, das 20 Jahre in einer Garage einfach vergessen und dem Rost überlassen wurde, in der Regel kaum mehr Wert. Haben sich Mäuse im Sitz eingenistet, Feuchtigkeit den Weg ins Innere gefunden, morsche Gummidichtungen das Öl aussickern lassen, das nun alles verklebt? Diese Schäden und den nötigen Reparaturaufwand sollte man vorab vom Fachmann abschätzen lassen. Andererseits wurde an einer solchen „Scheunenfund“-Maschine sehr wahrscheinlich nicht viel von unkundiger Hand herumgeschraubt. Wenn man also viel Glück hat, kann ein Scheunenfund auch ein Highlight sein!
Wurde die gleiche Maschine aber seit ihrem Kauf gepflegt und gewartet, kann sich ihr Wert vervielfachen. Eine Panhead Harley, die in den Fünfzigern für 3000 Mark zu haben war, ist in gut gepflegtem Originalzustand inzwischen um die 30.000 Euro wert. Ein neuerer Trend bei den Harleys sind Shovelheads bis Baujahr 84. Sie sind jetzt mit Preisen bis 12.000 Euro noch bezahlbar, schicken sich aber gerade an, im Preis massiv anzuziehen.
Vorsicht ist geboten, wenn in den Papieren viele Vorbesitzer verzeichnet sind. Das ist oft ein Anzeichen für eine Problemmaschine, die von Bastlern nicht fachgerecht gewartet wurde und dementsprechend nun mit technischen Schwierigkeiten behaftet ist. Hat der eine Bastler die Nase voll davon, sie trotz allen Schraubens nicht zum Laufen bekommen zu haben, verkauft er sie weiter an den nächsten. Gerade Harleys, die im fabrikoriginalen Zustand ganz problemlos funktionieren, werden oft stark mit Um- und Anbauten personalisiert und bieten auch sehr viele Möglichkeiten dazu. Leider oft mit der Folge, dass sie danach nicht mehr so zuverlässig laufen, wie zuvor. Deshalb sind unbehandelte Originalmaschinen so sehr gesucht und auch die bessere Wertanlage!

Harley? Gibt’s nicht noch andere?

Harleys sind ein Mythos, aber natürlich nicht die einzigen gesuchten Oldtimer-Zweiräder. Ob Ducati, Motoguzzi, MV Augusta, Vogtländer – jede dieser alten Maschine hat seinen eingeschworenen Fankreis und einen guten Markt. Münch beispielsweise gehört zu den hochklassigen Oldtimern für Spezialisten. Diese Maschinen wurden oft in Kleinserien produziert und sind somit extrem rar. Eine Münch in vernünftigem Zustand wird mit 100.000 Euro aufwärts gehandelt. BMW-Zweiräder sind bei Puristen wegen ihrer Solidität beliebt, da an ihnen am wenigsten unsachgerecht gebastelt wurde.
Nicht alle Oldtimerfans sind verrückt nach PS-starken Kraftpaketen. Motorräder aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind meist mit Motoren um die 200 ccm ausgestattet, also eher kleine Maschinen. Die Englischen Zweiräder dieser Zeit warten mit technisch verrückten Bauweisen auf, haben aber den Vorteil, dass Ersatzteile dafür in England sehr gut erhältlich sind. Allerdings sollte das Geld für die Reisen zur Teilebeschaffung mit einkalkuliert werden. Begehrt ist hier die Scott der Baujahre 1920 bis 1930, als eine der ersten wassergekühlten Maschinen. Mit einer Rudge 500 cm³ fuhr Nott 1930 auf der Brooklandsbahn den Stundenrekord von 170,38 km/h, 10 Jahre später musste die Firma schließen. Rudges werden derzeit ab 15.000 Euro aufwärts gehandelt. Triumph erlebte seinen Höhenflug, nachdem 1908 im TT-Rennen 5 Triumphs unter den ersten 10 Platzierten einfuhren und ist noch heute eine Legende.
Auch im fernen Osten wurden Kulträder gebaut: So haben japanische Räder mit luftgekühltem Motor ihre Liebhaber. Eine 500 ccm 3-Zylinder-Zweitakt-Kawasaki ist im Originalzustand schwierig zu bekommen und sehr begehrt, da die alten Damen unfachkundige Motorbasteleien sehr ungnädig mit Streiks quittieren. Noch dazu wurden sie zu ihrer Zeit für Rennen missbraucht und verheizt! Fachleute für diese Maschinen sind hierzulande allerdings fast so selten wie die unverbauten Modelle selbst. Dabei lässt sich durchaus ein Schnäppchen machen, wenn man sich mit den vielen Sonderserien und Sondermodellen auskennt.

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Was Sie sich zu ­Oldtimer-Motorrädern merken sollten:
• Technik ist nicht der Angstgegner.
• In ein Motorrad, das nichts wert ist, muss sehr viel Geld und Zeit gesteckt werden, bis es wieder seinen Wert hat. Deshalb sind Oldtimer-Motorräder als Investment vor allem etwas für echte Motorradliebhaber.
• Ein Scheunenfund kann viel wert sein, muss aber nicht. Nur, wenn sich darum gekümmert wurde und wird, behält und steigert eine Maschine ihren Wert.

 

Von Martina Schäfer und Wolfgang Sandner

Bildquelle: depositphotos.com/cookelma