Schuldenbarometer
Aufregung um spanischen Staatsfinanzen überzogen
David Bencek, Henning Klodt

Nach dem IfW-Schuldenbarometer  ist die aktuelle Aufregung um die spanischen Staatsfinanzen weit überzogen (Tabelle 1). Trotz des jüngsten Zinsanstiegs für zehnjährige Staatsanleihen auf über sechs Prozent ist die Tragfähigkeit der spanischen Staatsschulden nach wie vor gewährleistet. Aus unseren Berechnungen geht hervor, dass es für Spanien erst bei einem Zinsanstieg auf zehn oder mehr Prozent wirklich kritisch werden könnte. Ausschlaggebend dafür ist vor allem das vergleichsweise niedrige Niveau der Staatsschulden. Die Schuldenquote liegt dort weit unter den entsprechenden Quoten von Griechenland und Portugal und sogar unter der von Deutschland.

Kritisch ist die Lage dagegen nach wie vor in Griechenland (trotz des mittlerweile erfolgten Schuldenschnitts) und in Portugal. Hier sind weitere Umschuldungen zu erwarten. Auch für Irland ist die staatliche Schuldenlast hoch, wobei dort allerdings die mittelfristigen Wachstumsperspektiven und damit auch das Potential zum Abbau der Schulden ausgesprochen positiv sind.

Das Konzept

Wir stützen unser Urteil über die Nachhaltigkeit der staatlichen Einnahmen- und Ausgabenpolitik auf das Konzept des Primärüberschusses. Der Grundgedanke dabei ist einfach: Wir wissen zwar nicht, wo die absolute Obergrenze der staatlichen Schuldenquote genau liegt, aber wir wissen immerhin, dass diese Quote nicht ins Unendliche steigen kann. Denn dann würde irgendwann in der Zukunft zwangsläufig ein Punkt erreicht sein, an dem der Staat insolvent wird.

>> Der Primärüberschuss

Damit die staatliche Schuldenquote zumindest stabil gehalten werden kann, darf der Primärüberschuss, definiert als Differenz zwischen den Staatseinnahmen und -ausgaben ohne Zinszahlungen, in Relation zum Sozialprodukt (die Primärüberschussquote PÜ) nicht geringer sein als die mit der Staatsschuldenquote (S) multiplizierte Differenz zwischen nominalem Zinssatz (i) und gesamtwirtschaftlicher nominaler Wachstumsrate (g): PÜ ≥ (i – g) S.

Ein praktikables Instrument zum Ausloten der Grenzen der Staatsverschuldung wird das Konzept allerdings erst dann, wenn es mit Kriterien dafür unterlegt wird, welche Primärüberschussquoten die staatliche Haushaltpolitik überhaupt erzielen kann und wo der Bereich beginnt, in dem die Kluft zwischen benötigtem und erzielbarem Primärüberschuss unüberwindlich groß wird.

Auf der Grundlage einer umfassenden Auswertung der historischen Erfahrungen zahlreicher Länder kommen wir zu dem Schluss, dass es für ein Land mehr als schwer werden dürfte, einen Anstieg seiner Staatsschulden zu verhindern, wenn die benötigte Primärüberschussquote über fünf Prozent des Sozialprodukts liegt. Spätestens hier ist eine kritische Schwelle erreicht, bei deren Überschreitung über einen längeren Zeitraum hinweg eine Sanierung der Staatsfinanzen ohne Hilfe von außen kaum noch möglich sein dürfte (vgl. Wirtschaftsdienst (Heft 9/2011)).

Da die Tragfähigkeit der Staatsschulden stark beeinflusst wird von den Wachstumsperspektiven einer Volkswirtschaft und da die Vorhersage dieser Perspektiven mit großen Unsicherheiten verbunden ist, arbeiten wir mit zwei Szenarien, und zwar mit einem eher pessimistischen und einem eher optimistischen. Für ersteres unterstellen wir eine nominale Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 2% und für letzteres eine nominale Wachstumsrate von 4%. Dabei geht es nicht um das kurzfristige Auf und Ab im Konjunkturverlauf, sondern um die langfristigen Wachstumsraten, die selbst in den besonders von der Krise betroffenen Ländern im positiven Bereich liegen dürften. Bei den Zinssätzen orientieren wir uns am Sekundärmarktzins für zehnjährige Staatsanleihen, wie er von der EZB ermittelt wird.

 

IfW Kiel 23.04.2012, Bild: Gabi Schoenemann pixelio.de