Sesame Credit – wenn Firmen und Politik sich zusammentun, das Volk gefügig zu machen

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Von Martina Schäfer |

Einkaufs-Punktesammelsysteme sind in den meisten Ländern bekannt. Die darüber gesammelten Daten können nicht nur ein genaues Bild des Konsumverhaltens geben, sondern beispielsweise dazu genutzt werden vorherzusagen, ob der Kunde wohl auch in Zukunft seine Kredite bedienen können wird.

China bringt das System auf einen ganz neuen Level: Die Chinesische Regierung möchte ein Sozialpunkte-System einführen, das die Vertrauenswürdigkeit jedes Bürgers misst.

Chinas Führung hat sich dazu acht chinesische Anbieter sozialer Netzwerke und Alibaba, den mit 400 Millionen Usern weltgrößten Online-Händler sowie Sesame Credit, Alibabas Finanz-Tochterfirma ins Boot geholt. Schon jetzt werden von diesen Firmen sämtliche Klicks, Kommentare, Online-Einkäufe und Zahlungsverzüge aufmerksam verfolgt und mit Kredit-Punkten belohnt. Doch die Chinesische Regierung plant dies zu erweitern und auch jede politische Äußerung, ja sogar kleinere Verkehrsvergehen der chinesischen Bürger zu speichern und mit Sozialen Plus- oder Minuspunkten zu bewerten.
Wer regimekonforme Links ansieht und verbreitet und inländische Produkte kauft bekommt Pluspunkte. Wer dagenen Reden von Regimekritikern konsumiert, Rechnungen nicht zuverlässig bezahlt oder sich Bücher aus dem Ausland bestellt, verliert Punkte.

Wie das schon jetzt in der Realität aussieht, zeigt sich am Beispiel von Chinas größtem Online-Partnervermittlungsservice, Baihe, das sich mit Sesame Credit verbündet hat um Klienten mit hohen Kredit-Punkten zu belohnen, indem sie auf der Firmenwebsitze besonders prominent hervorgehoben werden. Begründung von Baihes Vizepräsident Zhuan Yirong: „Die Persönlichkeit eines Menschen ist sehr wichtig, aber es ist noch wichtiger, dass man einen gesicherten Lebensunterhalt hat. Das Vermögen deines Partners garantiert dir ein komfortables Leben.“

Sesame Credit wollte nicht angeben, wie die Kredit-Punkte genau berechnet werden und sprach nur diffus von einem „komplizierten Algorithmus“. Ein Interview mit der BBC lehnte das Unternehmen ab mit der Begründung, man befürchte, die Regierung würde die permanente Erlaubnis zur Erhebung der Kredit-Punkte zurückziehen, wenn Sesame Credit sich mit ausländischen Medien einließe.

 

Die Schattenseite des Punktesammelns

Der persönliche Punktestand hat in Zukunft Einfluss darauf, ob und in welchem Ausmaß jemand in Zukunft Zugriff auf Privilegien hat, etwa besonders gefragte Jobs bekommen kann oder bevorzugt wird beim schnellen Internet.

Besonders perfide: der Punktestand der online-„Freunde“ beeinflusst den eigenen Punktestand – und ist jederzeit für jeden „Freund“ offen einsehbar. Wer also einen regimekritischen Freund hat, der Minuspunkte einfährt, bekommt deswegen auch einen niedrigeren Punktestand. Das kann dazu führen, dass deswegen eventuell der erwünschte Studienplatz, nicht zu bekommen ist.

Das führt zu gewaltigem Sozialem Druck. Wer dagegen spielt wird sozial isoliert, wer begeistert mitmacht, erklimmt die Karriereleiter. Da wird doch die eine oder andere Erinnerung an Stasi-Praktiken wach – nur jetzt auf den neuesten Stand der Technik gebracht

 

Ab 2020 für alle chinesichen Bürger verpflichtend

Noch arbeitet das System mit positiver Verstärkung und setzt darauf, dass Bürger freiwillig mitmachen. Ab 2020 soll es verpflichtend für alle chinesischen Bürger sein – und dann kommen Strafen für niedrige Punktestände dazu. So könnte man etwa seinen guten Job verlieren, keinen Studienplatz oder in bestimmten Städten keine Wohnung bekommen.
Wer sich jetzt schon freiwillig registriert, ist anderen natürlich schon Punkte voraus, wenn diese sich in ein paar Jahren zähneknirschend einschreiben müssen. Also werden sich Leute, die es im Leben zu etwas bringen wollen oder Privilege zu verlieren haben, schon bald anmelden.

Die Wirksamkeit dieser Art Belohnungssystem wurde jahrelang an Online-Spielen wie World of Warcraft getestet. Es funktioniert.

Alle Macht dem Volke – auf diese Art geradezu albtraumhaft umgesetzt.

 

 

Bild: Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de